Alltagshelden gesucht!

Freiwilligendienste im Bistum Osnabrück

 

Erfahrungsberichte

Larissa (FDA)

Das bin ich in Thiès, Senegal (Bild: privat)Das bin ich in Thiès, Senegal (Bild: privat) Als ich im September 2012 am Kirmessonntag unser schönes Holzhausen verließ, um an einem mir unbekannten Ort mit mir unbekannten Menschen für ein Jahr zu bleiben – und das, ohne mein Rückflugdatum zu kennen – sah das Ganze noch nach einem aufregenden Abenteuerversuch aus. Ich fragte mich "Wie wird's wohl?" Nun ist die Zeit vorbei und auf die häufigste aller Fragen "Und, wie war's?" weiß ich gar nicht so leicht zu antworten. Mein Leben war's – mit allen Höhen und Tiefen. Ein knappes Jahr ist nicht wie ein guter oder schlechter Urlaub zu beschreiben, es geht über erste aufregende Eindrücke, den Alltag und Verabschiedungen, über Krisen sowie Höhenflüge, Wiederfinden von immer schon Geliebtem und Wichtigem sowie dem Entdecken von Neuem hinaus. Solch ein Leben ist auch nicht mit einem Rückflug beendet. Genauso wie ich im Senegal immer ein wenig (oder mehr) Deutsche bin, werde ich auch hier das Stückchen Senegal, das meine Biographie nun mit sich führt, nie ablegen (und es vermutlich auch nicht bei diesem Stückchen belassen). Vorherige Lebensaufgaben, Zukunftsziele ja sogar Charaktereigenschaften, Stärken und Schwächen, standen in neuem Licht da. Landkind oder Weiße oder Deutsche oder Erstgeborene oder kleine Schwester oder offen oder verhalten oder neugierig oder aufdringlich oder frech oder brav oder ängstlich oder gewagt oder fleißig oder faul oder doch nicht? Nach meiner Rückkehr kann ich mich selbst und alles um mich herum an Menschen, Regeln, Moral und "Normalitäten" nicht wieder in die alten Muster einfügen, sondern muss – so wie wir alle es mit langen oder kurzen Erfahrungen tun – so lange herum puzzeln, bis ich ein zufriedenstellendes, hübsches und dennoch nur vorrübergehendes Weltbild-Mosaik habe. Das ist Leben.

Nicht nur einer, sondern viele Arbeitsplätze

Nachdem ich euch damit in die Philosophie einer "Rückkehrerin" (wie es unter den ehemaligen Freiwilligen heißt) eingeführt und hoffentlich zu eigenen Gedanken angeregt habe, erzähle ich nun von meinem Leben im Senegal. Es war das Bistum Osnabrück, welches mich durch das Programm Freiwillige Dienste im Ausland auf die Freiwilligenstelle in Thiès, im Senegal entsandte. Ehrlich gesagt, war diese auch mein Erstwunsch und das habe ich nicht bereut. Dank meinem senegalesischen Verantwortlichen vor Ort habe ich in eine Vielzahl von Praktikumsstellen hinein schnuppern können. Die ersten fünf Monate verbrachte ich im Kindergarten, welcher sich für mich im Gegensatz zu deutschen Einrichtungen durch anspruchsvolle "Arbeitspläne" (Malen, Basteln, Alltagswissen, etc.), viele Lieder mit Tanz und Trommeln (sehr effektive Arbeitsweise!) und leider überfüllte Kindergruppen, folglich mehr geforderte Disziplin, charakterisierte.

Anschließend durfte ich den Senegalesen bei der Vergabe von Mikrokrediten an bestimmte Frauengruppen in Stadtvierteln oder Dörfern über die Schulter gucken. Ich war vor allem davon begeistert, dass endlich nicht mehr die europäischen "Superhelden" mit ihren eigenen verrückten Ideen, versuchten, ihre koloniale Schuld mit einer immer weiterführenden Europäisierung gut zu machen. Stattdessen war Raum dafür da, dass wahre Landesexperten (Senegalesen) die bestehenden Strukturen (Frauengruppen) zu einer Verbesserung der Lage nutzten. Leid war ich es, deutsche Reisegruppen zu begleiten, die einen Kindergarten in einem renovierungsbedürftigen Gebäude besichtigten und kofferweise Süßigkeiten mitbrachten, um sich an der "Sie sind so arm, und dennoch so glücklich – durch mich"-Vorstellung zu erfreuen. In viel zu vielen Hilfsorganisationen vor Ort fehlt der entscheidende Faktor für effektive Arbeit: landeseigene Verantwortliche. Ebenso habe ich auch die Arbeit in der senegalesischen Caritas genossen, die vor allem in den ärmsten Dörfern der Umgebung arbeitet. Ausbildungen zur effektiveren und an den Klimawandel angepasste Agrarwirtschaft (ohne elektrische Technik), Stehklohäuschen bauen, um die Durchfallkrankheiten und so Kindersterblichkeiten zu verringern, Verteilung von (aus dem Senegal selbst) gespendeter Kleidung an Bedürftige, Einrichtung und Ausstattung von kleinen Erste-Hilfe-Hütten und vieles mehr konnte ich machen. Leider war manchmal auch Notfallversorgung mit Grundnahrungsmitteln nötig.

Zuletzt durfte ich sogar ein Praktikum in der Psychiatrie machen, was hoch interessant war. Mein Wissen über die Naturmediziner, deren Aufgaben Krankheiten heilen, Zukunft vorhersagen, psychische Leiden verringern, Glück oder Unglück beschaffen, Geister austreiben und vieles mehr sind, war gefordert, da die meisten Patienten diesen Behandlungsversuch in ihrer Vorgeschichte hatten. Es war für mich ungemein bereichernd, mit der senegalesischen Psychologin vor Ort zusammenzuarbeiten, die aufgrund ihres Studienaufenthaltes in Europa meine kulturelle Prägung nachvollziehen und mir viele Fragen beantworten konnte. Ein anderer wichtiger Aspekt war für mich außerdem das Leben in einer senegalesischen Familie. Ich, die in Deutschland immer das älteste Kind war, konnte nun die Vorteile eines großen Bruders erleben (bis er Anfang 2013 sein zeitaufwändiges Studium begann). Er zeigte mir die besten Joggingwege, stellte mich ein paar Freunden vor und lehrte mich Attaya (süßen arabischen Tee) zu machen, was eine wahre Kunst ist, da dieser dreimal aufgebrüht und nach unzähligem aufschäumenden hin und her Gießen in winzigen Gläschen allen Freunden, Verwandten und Gästen, die gerade in der Nähe sitzen oder arbeiten, in der richtigen Reihenfolge serviert wird. Das dauert gerne zwei oder drei Stunden, in denen viele Gespräche geführt, eine lange Leiterrunde gemacht oder einige Arbeiten erledigt werden können. Meine Gastschwester hatte sehr wenig Zeit, da sie mitten im Abitur steckte und das bedeutet die ganze Woche von 8 bis 18 Uhr in der Schule zu sein. Aber dennoch fanden sie und meine senegalesische Mama Zeit, mich in die Künste der westafrikanischen Küche einzuführen, die ich selbst hier in Europa nun mit Senegalesen oder Deutschen praktiziere. Außerdem versuchte ich mich am Handwaschen, was mir allerdings bis heute nur mit leichten Kleidungsstücken gelingt (und ich muss mir immer noch anhören "Das quietscht ja gar nicht, du kannst das einfach nicht."). Da Thiès eine Stadt ist, hatten wir Strom und fließend Wasser, was mittlerweile aber auch am Stadtrand und in den Dörfern oft der Fall ist. Im Viertel gibt es viele Sandstraßen, in der Innenstadt fast nur geteerte und das allgemeine Stadtbild ist von einigen mehrstöckigen und vielen einstöckigen Häuser mit "Dachterasse" geprägt.

Mit den Menschen leben

Bei der Arbeit mit den Pfadfindern (Bild: privat)Bei der Arbeit mit den Pfadfindern (Bild: privat) Über Arbeit und Familienleben hinaus bin ich voll und ganz in der Jugendarbeit der Pfadfinder in unserer Gemeinde aufgegangen. Hier nahm ich nun einen Platz ein, den ich gut ausfüllen konnte, da ich trotz einiger Unterschiede Vorerfahrung aus der deutschen Pfadfinderarbeit anwenden konnte. Hier fühlte ich mich am wenigsten als die Neue, die Weiße, die Europäerin, sondern mehr als die Leiterin einer bestimmten Altersstufe und auf nationalen Treffen wurde mehr auf die Halstuchfarbe anstatt Hautfarbe geschaut – ich war einfach "die aus Thiès". Und hier lernte ich auch am meisten die Landessprache Wolof – eine Sprache, die mir alle Türen öffnete. Doch eigentlich wurde nicht mal dies gefordert und die Kolonialsprache Französisch mir angeboten.

Tatsächlich: Mich haben die Menschen an fast allem, was ich haben wollte, teilhaben lassen. Ich durfte alle Tänze mittanzen, alle Gerichte probieren, mir senegalesische Kleidung schneidern lassen (wenn mir diese nicht schon aus Gastfreundschaft geschenkt wurde), das ganze Land sehen und gezeigt bekommen, als Freundin, nicht als Eindringling aufgenommen werden und unendlich viel Zeit in Anspruch nehmen, um mir (der Unwissenden) alles im Detail und fünf Mal zu erklären – ein ganzer Reichtum an Zeit, Geduld, materiellen Gütern, exzellenter interkultureller und persönlicher Weiterbildung und Zuwendung. Unangenehme Situationen waren für mich die Gegenüberstellung mit Bettelkindern oder Frauen aus den Dörfern, die mich um Geld oder mein Handy fragten, weil sie ja wussten, dass es mir nicht wirklich weh tun würde, oder die einfach da waren und Fragen in meinem Kopf aufwarfen. Schwierig wurde es, als mir im Laufe der Zeit meine "weißen" Privilegien klar wurden, die ich bis heute nutze, wissendlich dass meine engsten senegalesischen Freunde genau das gleiche Recht auf sie haben: Erfahrungen während eines Freiwilligendienstes in Ausland; einen weltweit angesehenen Uniabschluss; aufgrund der Hautfarbe in der ganzen Welt als wissend eingestuft werden; ein eigenes Zimmer mit Schreibtisch; neuste Technik; gute Jobchancen; Respekt vor der eigenen Kultur, die nicht als "unterentwickelt" beschrieben wird; Taschengeld für Wochenendausflüge und einen Reisepass, dem die Welt offen steht... Wen lassen wir teilhaben, an unserem Reichtum? Diese Ungerechtigkeit ist manchmal bedrückend, aber viel öfter motivierend, sich dem Versuch zu verschreiben, es bei diesen Ungleichgewichten nicht zu belassen und aktiv zu werden.

Das Jahr ist nicht vorbei

Ich bin in dem Jahr einen kleinen Schritt weiter gekommen und habe so überraschend viel erfahren über mir unbekannte Themen: die animistischen (naturreligiöse) Kulte, das Leben als Zweitfrau, religiöse Riten, christliche Teufelsaustreibungen, ungeschriebene Gesetze, Geschichte Westafrikas mit ihren royalen Hoch-Zeiten vor der Kolonialisierung, aktuelle Mode, Politik, Liebesleben, Freundschaften, das wunderschön friedsame Zusammenleben aller Religionen (von dem wir uns in Deutschland etwas abschauen sollten), Umgang mit Reichtumsunterschieden landesintern und -extern, Gastfreundschaft, Familiensolidarität – ich habe es erzählt bekommen, gesehen, daran teilgenommen. "Das Jahr" ist für mich noch lange nicht vorbei, all diese Dinge sind zusammen mit den Erfahrungen aus Deutschland oder sonst wo nun irgendwo in meinem Kopf – unsortiert. Ich habe gerade erst angefangen und vermutlich ist es eine Lebensaufgabe, sie in mein Weltbild-Mosaik einzubauen.

Ihr wollt noch mehr über mein Jahr im Ausland lesen? Hier geht's zu meinem Blog!

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